Die Frühjahrsversammlung 2010 zum Thema
Gerechtigkeit
fand vom 23. April bis zum 24. April 2010 in Eichstätt statt.

Themen

Gerechtigkeit in Ödön von Horvaths „Der jüngste Tag“
Christoph Scheerer, Herbrechtingen
Ausgehend von einem bislang in der Forschung übersehenen aber wesentlichen Detail in Ödön von Horvaths Drama „Der jüngste Tag“, das ein völlig neues Licht auf die dort verhandelte Schuldfrage wirft, zeigte Christoph Scheerer auf, wie sich die thematischen Schwerpunkte innerhalb des Dramas verschieben und die Frage nach Recht und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt rückt. Es wurde deutlich, dass die diesbezüglichen Abgründe im Drama durch diesen neuen Interpretationsansatz nochmals tiefer werden.

Zwei antiessentialistische Konzepte von Gerechtigkeit: Rawls und Rorty
Ursula Diewald, München
Die zeitgenössische praktische Philosophie steht vor der Herausforderung, ethische Grundsätze, wie solche über Gerechtigkeit, so zu formulieren, dass sie trotz eines interkulturellen wie intrakulturellen Wertepluralismus größtmögliche Gültigkeit haben. Diese Gültigkeit kann nicht aus universalistisch gegebenen Prinzipien deduziert werden. Gerechtigkeitskonzepte müssen vielmehr konstruiert werden, und zwar so, dass sie die (freie) Zustimmung von unterschiedlichen Individuen erlangen können. Das Werk von John Rawls steht beispielhaft für dieses Programm. Im vorliegenden Text versucht Rorty (Philosophie als Kulturpolitik, 2008, Kap. 3) die liberalistische Tradition von Rawls mit dem kommunitaristischen Entwurf von Michael Walzer und dem diskursethischen Ansatz von Jürgen Habermas zu verbinden. Mithilfe des Walzer’schen Konzeptes von dicker und dünner Sprache sowie dem Argument des „angemessenen Vertrauens“ von Annette Baier zeigt Rorty, dass antiessentialistische Ethiken gedacht werden können als die wachsende Ausbreitung von moralischen Intuitionen, die in der familiären Situation selbstverständlich sind. Ursprünglich dicke Grundsätze werden dann im Verlauf des Diskurses zwar ausgedünnt, so dass ihre Geltung risikobehaftet bleibt. Da aber ihre Autorität dem Gefühl der Solidarität entstammt und nicht der Autorität eines theoretischen Arguments, ist eine angemessene und vielversprechende Strategie zur Implementierung einer universalen Gerechtigkeit gegeben.

Geschichtsthesen von Benjamin unter dem Blickwinkel der Frage der Gerechtigkeit
Florian Bruckmann, Eichstätt

Gerechtigkeit naturalisieren? Zum reduktionistischen Menschenbild und seinen Konsequenzen
Patrick Becker, Eichstätt
Die aktuelle Deutungshoheit der Naturwissenschaften führt dazu, dass auch der Mensch mittels rein empirischer Methodik zu erklären versucht wird. Deshalb wird ihm immer öfter auch die Willensfreiheit abgesprochen. Doch damit geraten klassische Gerechtigkeitsvorstellungen ins Wanken. Patrick Becker geht der Frage nach, ob der Mensch und mit ihm die Gerechtigkeit naturalisiert werden können, und wirft dazu einen Blick auf die Konzepte von Paul Churchland und Thomas Metzinger. Er selbst vertritt die These, dass Gerechtigkeit natürlich erklärt werden muss, aber nicht reduktionistisch.

Gerechtigkeitsempfinden und seine möglichen Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft
Diana Pettinger, München
 

Tagungsort
Katholische Universität Eichstätt
Katholische Hochschulgemeinde Eichstätt

[Seitenanfang]