Die
Frühjahrsversammlung 2007 zum Thema „Ekklesiologie”
fand vom 02. bis zum 04. März 2007 in Rapperswil-Jona (Schweiz) statt.

Die Themen

Das Staatskirchensystem in der Schweiz
Hermann Hungerbühler, CH-Bollingen
Hermann Hungerbühler stellte das Staatskirchensystem der gastgebenden Schweiz vor. Mit Ausnahme von Genf und Neuenburg hat jeder Kanton seine eigene, staatlich verordnete und durch ihn geschützte Gesetzgebung als Partikularrecht. Infolge Fehlens eines Konkordates mit dem Vatikan kennt der Staat weder eine Kirchenprovinz, noch Diözesen oder Pfarreien. Für ihn existieren nur die Kirchgemeinden, die in der Praxis nach protestantischem Kirchenverständnis in Kantonalkirchen zusammengefasst sind. Ihre Tätigkeiten üben sie im Rahmen der jeweiligen staatsrechtlichen Ordnung basisdemokratisch aus. Somit sind alle politisch relevanten Vorgänge (Finanzen, Ordnung, Verwaltung des Kirchengutes etc.) dem Staatskirchenrecht unterstellt. Kirche und Staat arbeiten mehrheitlich einvernehmlich zusammen; ebenso wird Ökumene auch auf offizieller Ebene seit langem gelebt. Für die Katholiken bedeutet dies, dass ihre Bischöfe in einem festgelegtem Rahmen auf das Wohlwollen der Kantonalkirchen angewiesen sind. In rein kirchlichen Angelegenheiten übt der Bischof jedoch in seiner Diözese die oberste Autorität aus.

Kirche vs. Papst? Schlaglichter auf 600 Jahre Konziliengeschichte
Stephan Mokry, München
Konzilien erwiesen sich im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder als Mechanismen der Konfliktbewältigung und dienten damit oft der verbesserten Sichtweise auf die Kirche. Stephan Mokry erhellte über einige historische Schlaglichter das Wechselspiel zwischen Papst und Konzil: ausgehend von den Reformkonzilien des Mittelalters mit ihrer Umschreibung der Konzilssuperiorität auch über den Papst ging der Blick nach Trient zum Streit zwischen Papst und Konzilsteilnehmern in Fragen nach Legitimation der Residenzpflicht und Jurisdiktionsvollmacht der Bischöfe (göttliches Recht oder nur Teilhabe an der potestas des Papstes?), um abschließend im Kräftemessen zwischen Minorität und Majorität bzgl. Primatsdefinition und Infallibilität auf dem I. Vatikanum und im Horizont der Kollegialitätsaussagen des II. Vatikanums anhand der päpstlichen Interventionen (z.B. nota explicativa praevia) die jeweils zugrundliegenden ekklesiologischen Probleme geschichtlich einzuordnen.

Kirche im Spannungsfeld von Dogmatik und Pastoral
Ursula Diewald, München
Der Slogan „Glaube ja – Kirche nein“ ist in seinem seriös gemeinten Gebrauch ein Ausdruck für die Schwierigkeit, die viele Gläubige mit dem sakramentalen Verständnis von Kirche haben. Dieser Vortrag zeigte auf, dass sich in den kirchlichen Texten selbst sowie in der Tradition der kirchlichen Lebensvollzüge Anhaltspunkte für einen Sinn von Kirche befinden, die weniger voraussetzen. Ausgehend vom Schriftwort Mt 18,20: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“, wird das soziale Element in der historischen Entwicklung einiger Sakramente in Erinnerung gerufen. Die These lautet, dass in der heutigen pastoralen Praxis nicht ohne Grund stark auf diese Interpretation zurückgegriffen wird. Eine Konzentration auf die Bedeutung von Gemeinschaft für das Gelingen eines interpersonal ausgerichteten Lebens kann auf die Funktion der Glaubensgemeinschaft und auch ihrer kulturell gewachsenen Glaubensvollzüge neues Licht werfen und kirchenfernen Gläubigen einen ekklesiologischen Sinn aufdecken, vom dem sie sich nicht ausgeschlossen fühlen müssen.

Evangelische Ekklesiologie auf der Grundlage der Confessio Augustana
Christoph Scheerer, Herbrechtingen
Als zentrale Momente evangelischer Ekklesiologie nennt Christoph Scheerer: Kirche ist creatura verbi divini und aufgrund des kommunikativen Charakters des Wortes immer communio sanctorum mit den Kennzeichen Glauben und Gemeinschaft. Zu unterscheiden ist zwischen der wahren, nur im Glauben fassbaren Kirche als Gotteswerk und der geschichtlichen Gestalt der Kirche als Menschenwerk. Kennzeichen der Kirche sind allein die reine Evangeliumspredigt und evangeliumsmäßige Verwaltung der Sakramente. In beidem sind auch Auftrag und Aufgabe der Kirche zu fassen. Da der Auftrag die gesamte Kirche betrifft, kann es an Ämtern in der Kirche nur das vollgültige allgemeine Priesterum aller Gläubigen geben, was ein ordiniertes Amt nicht ausschließt, sondern bedingt. Evangeliumsgemäße Predigt und Verwaltung der Sakramente sind auch hinreichend, um eine Einheit der Kirchen zu gewährleisten, die aufgrund des kontingenten Charakters dieses Wortgeschehens immer nur als Geschenk Gottes verstanden werden kann.

Die Zukunft der Volkskirchen
Lukas Lorbeer, Tübingen
Lukas Lorbeer beschäftigte sich mit der „volkskirchlichen“ Organisationsform der evangelischen Christen in Deutschland, die sich bei abnehmenden Mitgliederzahlen und schwindenden Finanzmitteln nicht in der bisherigen Form beibehalten lassen wird. Die EKD hat dazu im letzten Jahr unter dem Titel „Kirche der Freiheit“ ein Papier vorgelegt, das angesichts Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels Perspektiven für die Kirche des Jahres 2030 entwickelt. Das Papier empfiehlt dabei eine gezielte Profilierung der „geistlichen Kernkompetenz“ der Kirche und reformuliert ihren missionarischen Auftrag unter den künftigen Bedingungen. Der Eindruck des Referenten, dass die Glaubwürdigkeit der Vorschläge unter ihrer wenig theologischen, vielmehr scheinbar stark betriebswirtschaftlich geprägten Begründung leidet, wurde in der Diskussion noch bestärkt. Zudem schien es zweifelhaft, daß die Parole „Wachsen gegen den Trend“ eine realistische und damit ehrliche Perspektive für die Kirche eröffnet – was bleibt, ist die Aporie auf der Suche nach positiven Visionen für die Kirche.

Kirche und postmoderne Gesellschaft – ein Widerspruch?
Patrick Becker, Marburg
Patrick Becker weitete den Blick auf die heutige Gesellschaft, deren Pluralität er mit dem Begriff „Postmoderne” zu erfassen versucht. An Hand der Sinusstudie von 2004, die die Verankerung der Katholischen Kirche in der deutschen Gesellschaft untersuchte, zeigte er, dass die Katholische Kirche (zu) stark auf einige wenige, noch dazu aussterbende Milieus fixiert ist. Die Studie werfe daher, so Becker, die Frage auf, wie die Pluralität der Gesellschaft positiv aufgenommen werden könne, wie die Kirche also auch in ihr eher fernen Milieus Fuß fassen könne und damit Volkskirche bleibe.

Ecclesia semper reformanda – Die Neujustierung des Kirchenverständnisses auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Robert Schätzle, CH-Jona

Tagungsort
Kirchgemeindehaus Jona
Friedhofstr. 2 · CH-8645 Jona

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