Die
Herbstversammlung 2006
zum Thema „Die Heilige Schrift. Stellenwert und Verständnis heute”
fand vom 18. bis zum 20. August 2006 in Tübingen statt.

Die Themen

Sola scriptura – sola traditio? Thesen zum Verhältnis von Schriftprinzip, religiöser Erfahrung und Offenbarung
Christoph Scheerer, Tübingen
Christoph Scheerer stellte einleitend das sich gegenseitig bedingende Wechselverhältnis von Heiliger Schrift als dem die christliche Religionsgemeinschaft begründenden und sie normierenden, überindividuellen und geschichtlich verorteten Dokument auf der einen Seite (norma normans), und individueller, je neu zu machender religiöser Erfahrung auf der anderen Seite dar, die umgekehrt diese norma normans auf ihren Gegenwartsbezug und ihre Relevanz für das eigene Leben befragt. In einem wechselseitigen Prozess müsse sich so indivduelle religiöse Erfahrung anhand der norma normans auf ihre Zugehörigkeit zur christlichen Religionsgemeinschaft überprüfen lassen, aber genauso müsse die heilige Schrift als norma normans sich von der individuellen religiösen Erfahrung aus ihrem Ort in der Geschichte je neu in die Gegenwart transferieren und auf ihre Überzeugungskraft hin befragen lassen. Wobei hierbei dann nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Heilige Schrift ihre Funktion als norma normans verliert. Das wäre dann aber zugleich auch das Ende der christlichen Religionsgemeinschaft in ihrer bis dahin bestehenden Gestalt.


Sola Scriptura. Zur Aktualität eines reformatorischen Prinzips
Thomas Gerold, München
Obwohl die Autorität der Schrift in Zeiten der historisch-kritischen Exegese umstritten ist, blebt für Thomas Gerold das Sola Scriptura-Prinzip dennoch zeitlos gültig, da die Schrift die höchste irdische Instanz sei. Dabei müsse sie, betonte Gerold, immer im Kontext des Sola Fide, des Sola Gratia und insbesondere des alles umfassenden Solus Christus verstanden werden. Entscheidend sei, dass sie den Zugang zu Christus und damit den entscheidenden und rettenden Glauben ermögliche. Dies könne sowohl direkt als auch etwa durch Predigt und Katechese vermittelt geschehen. Letztere bauen aber immer – genauso wie alle kirchlichen Traditionen und Ämter – auf der Schrift auf. Kirche müsse immer eine die Schrift lesende Kirche sein. Vor diesem Hintergrund erweisen sich für Thomas Gerold gerade kirchliche Autoritäten gegenüber der Schrift als sekundär. Gleichzeitig mahnt Gerold dazu, von der Schrift nicht die Beantwortung aller Fragen zu erwarten. Entscheidend sei letztendlich die Ermöglichung des Glaubens an Christus.


Schrift und Tradition bei Joseph Ratzinger im Kontext von Dei Verbum
Stephan Mokry, Neufahrn bei Freising
„Papst pocht auf strenge Auslegung der Bibel“ – er betont, „dass die Christen fest zur Tradition der Bibel und der Kirche stehen müssten“ (Süddeutsche Zeitung vom 27./28.05.06, S. 6). Angesichts dieser Schlagzeile zum Polenbesuch von Benedikt XVI. stellt sich die Frage, wie genau Benedikt alias Joseph Kardinal Ratzinger Schrift und Tradition versteht. Um dies genauer zu eruieren, ging Stephan Mokry auf Entstehung und Inhalt der Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ des II. Vatikanischen Konzils ein. Die Einordnung Ratzingers in diesem Kontext ist von besonderem Interesse, da er zusammen mit Karl Rahner auf dem Konzil ein alternatives Offenbarungsschema erarbeitet hat. In diesem Text zeichne sich nach Mokry bereits der Gedanke eines „Transzendentalsubjekts Kirche“ als Tradierungsraum ab, dem sich die Schrift gleichermaßen „nur“ als Traditionsprodukt verdanke. Anhand des Schreibens der Kongregation für die Glaubenslehre an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen (30.10.86) zeigte Mokry die Relevanz des Ratzingerschen Verständnisses für offizielle kirchliche Schreiben. So heißt es dort etwa in Nr. 5: „Es ist gleicherweise wesentlich anzuerkennen, dass die Heiligen Schriften nicht in ihrem eigentlichen Sinne verstanden werden, wenn sie in einer der lebendigen Tradition der Kirche widersprechenden Weise ausgelegt werden.“


Heilige Schriften andernorts: Der muslimische Umgang mit dem Koran
Patrick Becker, München
Den Blick über den christlichen Tellerrand unternahm Patrick Becker. Er zeigte den historischen Kontext auf, in dem der Koran entstanden ist. An Hand einer historisch-kritischen Herangehensweise könnten Christen zwar, so Becker, wesentliches Verständnis für den Koran entwickeln. Gleichzeitig würde so aber nicht das muslimische Selbstverständnis getroffen, nach dem der Koran ewiges Wort Gottes sei, das als Urschrift „im Himmel liege”. Das wortwötliche Verständnis des Koran sei im Islam der Standard. Damit ergebe sich eine große Hürde beim Umgang des (sowohl christlichen wie auch atheistischen) Westens mit islamischen Kulturen, da im Westen ein derartiger Schriftumgang als fundamentalistisch gebrandmarkt werde.


Bibelauslegung in der Befreiungstheologie
Antje Klein, Tübingen
Auch Antje Klein verließ den europäischen Kontext und wandte sich Lateinamerika zu. Mit Gesprächsbeispielen führte sie in die befreiungstheologische Bibelauslegung ein. Diese geht davon aus, dass, wenn nur Spezialisten und/oder Amtspersonen die Bibel auslegen, das einfache Volk keinen Zugang mehr zu ihr hat und sie zu einem Museumsstück wird. Die Bibel soll aber ihre mobilisierende Kraft und ihr (soziales) Veränderungspotential zeigen. Dies geschieht, indem die Bibel als Buch der einfachen Leute, der Unterdrückten wiederentdeckt und aus deren Perspektive gelesen wird. Innerhalb der Methoden „Sehen, Urteilen, Handeln“ ist die Bibel dann vor allem im Schritt des „Urteilens“ wichtig. Dabei ist der Exeget nicht mehr Meister, sondern Ratgeber. Obwohl auch die Pfingstkirchen die Bibel intensiv benutzen, herrscht hier eine andere Auslegungspraxis als in den befreiungstheologisch ausgerichteten Basisgemeinden. Hier wirbt die Bibel nicht für soziale Veränderung, sondern führt zur persönlichen Bekehrung und dadurch zum Gefühl einer neuen Würde.


Anspruch und Unbehagen: Was tun mit den radikalen Forderungen der Ethik Jesu, mit denen wir unsere Schwierigkeiten haben?
Lukas Lorbeer, Tübingen
Im letzten Beitrag zur Tagung wurde erneut die Frage nach der Autorität der Heiligen Schrift gestellt. Das geschah diesmal im Zusammenhang mit der Ethik des Neuen Testaments, insbesondere mit der Weisung Jesu. Feindesliebe, Nachfolge und Selbstverleugnung sind ebenso wie die Radikalisierung der zehn Gebote in der Bergpredigt zentrale Inhalte der Verkündigung Jesu und besitzen dadurch innerhalb der Schrift vielleicht sogar ein besonderes Gewicht. Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie ein heutiger Christ in seiner ethischen Reflexion damit umgehen soll, daß diese Gebote und ihr Anspruch manchmal ein intuitives Unbehagen, vielleicht sogar einen inneren Widerstand in ihm erzeugen. Geht man diesem Widerstand auf den Grund, so legt sich der Schluß nahe, daß er aus einem Konflikt des biblischen Anspruchs mit anderen Wertsystemen resultiert, die das ethische Empfinden und Bewußtsein eines heutigen Menschen ebenso geprägt haben, etwa Aufklärung oder moderne Psychologie. Erzwungenes ethisches Handeln gegen innere Widerstände und Überzeugnungen kann auf Dauer nicht funktionieren und führt vermutlich nur zur Verdrängung und damit zur Verlagerung von Konflikten. Das darf andererseits aber kein Vorwand dafür sein, den biblischen Anspruch nicht mehr ernst zu nehmen. Dieser Widerspruch stellt eine über die Zeiten hinweg bleibende Herausforderung für christliches Leben dar.

 

Tagungsort
Evangelisches Stift Tübingen
Klosterberg 2 · 72070 Tübingen

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