Die
Frühjahrsversammlung 2006 zum Thema „Sünde”
fand vom 17. bis zum 19. März 2006 in Marburg statt.

Die Themen

„Der Fluch der bösen Tat.“ Sündenverständnis in Geschichte und Gegenwart
Ursula Diewald, München
Als erste Referentin der Tagung gab Ursula Diewald einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Sündenbegriffs in der Theologie und legte dabei einen besonderen Schwerpunkt auf das Verständnis der so genannten „Erbsünde“. Wichtige Meilensteine wie die Theologie Augustinus’ oder neuzeitliche Entwürfe wie von Eugen Drewermann wurden exemplarisch erläutert, um die intellektuellen und existentiellen Konflikte aufzuzeigen, die sich hinter der Rede von der Sünde verbergen. Die z. T. stark voneinander abweichenden prominente Antwortversuche bildeten den Ausgangspunkt für eine rege Diskussion, welche die für die Tagung wichtigsten Kernprobleme bereits thematisierte: Das Problem der Willensfreiheit und der Theodizee; die Rolle des Erlösungsglaubens und damit einhergehend die Suche nach einem angemessenen Christusbild; die Frage nach Verantwortung und Gewissen; schließlich die Frage nach einem „guten“ und „richtigen“ Leben in einer Welt der Ungewissheit in Bezug auf letzte Fragen. Die Referentin bot abschließend eine Analyse der heutigen Verwendung des Begriffs „Sünde“, sowohl umgangsprachig wie kommerziell. Sie rief die Diskussionsteilnehmer dazu auf, sich nicht über die scheinbar banalen Rede zu echauffieren, sondern darin vielmehr eine originäre Intuition der Menschen für die nachhaltige Bedeutung bestimmter Lebensentscheidungen, sei es der Umgang mit dem eigenen Körper oder Sexualität, zu erkennen.

Von Gott oder vom Teufel geritten. Menschliche (Un-)Freiheit und Sünde bei Luther
Thomas Gerold, München
In zwei weiteren Einheiten betrachtete die Gruppe je einen klassischen evangelischen und katholischen Entwurf. Thomas Gerold beschäftigte sich mit dem Thema „‚Von Gott oder vom Teufel geritten’. Menschliche (Un-)Freiheit und Sünde bei Luther“. Aufbauend  auf Luthers Schrift „De Servo Arbitrio“ wurde aufgezeigt, dass nach Luther in der Frage nach Heil oder Unheil des Menschen dieser keine  Entscheidungsmöglichkeit mehr besitzt. Der menschliche freie Wille ist in dieser entscheidenden Frage durch die Sünde zerstört, nur Gott kann den Menschen retten. Dieser kann aber in keiner Weise selbst dazu beitragen.

Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“ und Mt 23,13: Von der (Un-)Schuld der Türhüter
Robert Schätzle, Würzburg
Anhand von Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ und den Wehe-Rufen in Mt 23,13 fragte Robert Schätzle (Würzburg) nach der Schuld der „Türhüter“, also nach Menschen und Strukturen, die sich anderen bei der Suche nach dem letzten und unsagbaren Geheimnis ihrer Existenz (vgl. NA 1) in den Weg stellen. Allerdings sei es zu einfach, die Verantwortung für die eigene Existenz ohne weiteres an Autoritäten zu delegieren, wie der Referent mit Bezug auf die Kafka-Erzählung unterstrich: Der Mann vom Lande, dem sich der Türhüter in den Weg stellt, lasse sich allzu einfach durch dessen vermeintliche Autorität aufhalten. Gerade dadurch, dass er dies tut, verfehlt er letzten Endes das Ziel seines Lebens: in das Innere des Gesetzes einzudringen. Die Kirche dürfe sich, so Schätzle weiter, nicht in die Rolle eines Türhüters oder der Pharisäer, die das Himmelreich verstellen, begeben. Damit würde sie ihren Auftrag verfehlen, den sie sich selbst im Zweiten Vatikanischen Konzil gegeben hat: den Menschen zu ihrer je individuellen Berufung durch Gott zu verhelfen und so das Volk Gottes zu sammeln. Wichtig sei, einer tückischen Verwechslung zu entgehen: nicht die Kirche ist es, die beruft, sondern Gott selbst. Und: Die Kirche ist nicht der Zweck, sondern nur das Mittel zum eigentlichen Zweck: das Reich Gottes.

Sünde – Perspektiven aus der Feministischen Theologie
Antje Klein, Tübingen
Antje Klein stellte in ihrem Referat Perspektiven aus der feministischen Theologie zum Thema Sünde vor. Die Auseinandersetzung mit „Sünde“ begann hier, indem die Identifikation von Frauen und Sünde analysiert und bekämpft wurde. Später kritisierte die feministische Theologie besonders das Verständnis der Sünde als Stolz: Sünde sei eher als Selbstverneinung zu bestimmen. Dabei müsse es aber auch darum gehen, zu sehen, wie Frauen selbst in patriarchale Beziehungsmuster und gesellschaftliche Strukturen verknüpft sind. In neueren Ansätzen geht es so darum, Selbstwerdung und Selbstlosigkeit zu verbinden, bspw. durch die Rezeption eines pneumatologischen Ansatzes oder des Bildes der Geburt für die Erlösung, welches Leben und Tod, Selbstverwirklichung und Hingabe zum Ausdruck bringt.

Determination als notwendige Bedingung für die Rede von Schuld und Sünde
Christoph Scheerer, Tübingen
Den Abschluss bildeten zwei Einheiten zur aktuellen Debatte um die menschliche Willensfreiheit. Christoph Scheerer legte in seinem Beitrag „Determination als Voraussetzung für die Rede von Schuld und Sünde“ dar, dass beide Begriffe erst unter der Annahme eines determinierten freien Willens sinnvoll werden. Umgekehrt würde unter der Annahme eines als absolut verstandenen freien Willens jegliche Rede von Sünde und Schuld obsolet, da die hinter Willensakten stehenden Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen nicht qualifizierbar wären und nur als entweder (absolut) frei oder unfrei beschrieben werden könnten. Eine Frage nach den Gründen einer Entscheidung wäre nicht stellbar. Da die Begriffe von Schuld und Sünde aber voraussetzten, dass Entscheidungen rational, bewusst und begründet seien, müsse notwendig Determination angenommen werden. Denn einerseits müssten die Gründe einer Entscheidung immer schon vorliegen, wenn nach ihnen entschieden werden solle, anderseits habe es das Bewusstsein generell mit ihm schon vorliegenden Sachverhalten, auch Gedanken, zu tun. In der Diskussion widersprach Christoph Scheerer der These, dass mit der Annahme von Determination und der Ablehnung eines als absolut frei verstandenen freien Willens der Begriff der Menschenwürde in Frage gestellt werde. Denn Determination mache die Rede von einem freien Willen nicht sinnlos, sondern qualifiziere diese Freiheit lediglich als relative, in einem gegebenen Möglichkeitsraum realisierbare. Dies gelte aber immer von menschlicher Freiheit als prinzipieller conditio humana, und es sei nicht einzusehen, warum dies beim freien Willen anders sein sollte, und warum ein absolut verstandener freier Wille, der dieser conditio humana widerspreche, für einen qualifizierten Begriff der Menschenwürde notwendig sei.

Ist die Willensfreiheit nur eine Illusion?
Patrick Becker, Marburg
Patrick Becker gab einen Überblick über die in der aktuellen Debatte um die Willensfreiheit verwendeten Argumente. Er zeigte, dass sich sowohl die Vertreter der starken Willensfreiheit wie auch ihre Gegner auf eine starke Argumentation stützen können. Gegen die Willensfrehiet spricht neben dem von Christoph Scheerer in der vorhergehenden Einheit dargestellten philosophischen Argument insbesondere die Tatsache, dass die Verbindung zwischen dem freien Willen und den neurophysiologischen Gesetzmäßigkeiten bisher nicht gefunden wurde. Auf der anderen Seite kann die eindeutige Erfahrung der starken Willensfreiheit nicht geleugnet werden. Es erscheint widersinnig, dass ein determiniertes System sich einbildet, frei zu sein. In der anschließenden Diskussion wurde besonders auf das ethische Argument Wert gelegt. Den meisten Anwesenden schien die Konsequenz unvermeidlich, dass mit der Willensfreiheit auch die besondere Menschenwürde abgelehnt werden müsse.

 

Tagungsort
Katholisch-Theologisches Seminar
Deutschhausstr. 24 · 35037 Marburg

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