Die Frühjahrsversammlung 2013 zum Thema
Christliche Anthropologie
fand am 15./16. März 2013 in Olching bei München statt.

Themen

Komplementarität als Basis für das Menschenbild?
Winfried Schmidt, Wadersloh
Ist mit Heraklit alles im Fluss oder Parmenides folgend alles gänzlich unveränderlich? Winfried Schmidt zeigt, wie die Quantenphysik auf solche Fragen neues Licht geworfen hat. Anscheinend widersprüchliche Begriffe wie Teilchen und Welle sind nicht länger Ausdruck unversöhnlicher Meinungen sondern erhellen, dass uns die Natur situationsbedingt gegensätzlich erscheint. Diesen experimentell gesicherten Sachverhalt hat Niels Bohr als Komplementarittät bezeichnet und weit über die Physik hinaus fruchtbar gemacht. Schmidt zeigt an Gegensatzpaaren wie Ordnung und Spontaneität, Tradition und Fortschritt sowie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, dass durch Verabsolutieren eines Antagonisten nicht nur der jeweils andere vernichtet wird, sondern derselbe sein Ziel verfehlt. Nur im Erhalten der komplementären Spannung empfangen beide ihren je eigentlichen Sinn und verhelfen zugeordneten Phänomenen wie Freiheit kultureller Entwicklung bzw. personaler Liebe zu vollem Leben.

Wo bleibt der Geist? Naturalismus als Herausforderung für die Anthropologie
Patrick Becker, Aachen
Patrick Becker zeichnet in seinem Beitrag die Veränderungen im Kausalitäts- und Weltverständnis nach, die sich seit Aristoteles vollzogen haben. Im Ausgang von René Descartes zeigt er, wie die naturwissenschaftliche Forschung dazu geführt hat, dass wir den Geist als kausal wirkungslos abqualifiziert haben und somit die menschliche Willensfreiheit in Frage stellen. Damit ergibt sich eine Einseitigkeit, da sowohl die Sinnebene, die Ethik als auch überhaupt die Subjektivität des Menschen nicht zur Geltung kommen. Becker plädiert daher am Ende des Beitrags für exakt die Komplementarität als Basis der Verhältnisbestimmung von Geist und Körper, die Winfried Schmidt seinem vorhergehenden Beitrag zugrundegelegt hat.

Was ist der Mensch in der (Welt-)Geschichte? Historiographie und Anthropologie in der ausgehenden Spätantike amBeispiel von Fabius Claudius Gordianus Fulgentius „De Aetatibus Mundi et Hominis“
Antje Klein, Tübingen
Antje Klein stellte in ihrem Beitrag die kaum bekannte Schrift „De Aetatibus Mundi et Hominis“ des aus Nordafrika stammenden Fabius Claudius Gordianus Fulgentius (ca. 500/550 n.Chr.) vor, eine Weltgeschichte vom Sündenfall bis in die römische Kaiserzeit in 14 Büchern. Die Schrift hat nicht nur eine besondere Form, ist sie doch als konsekutives Lipogramm geschrieben und lässt somit in jedem Buch einen Buchstaben des Alphabets weg, sondern sie ist auch hinsichtlich ihrer Anthropologie interessant: Fulgentius vergleicht in ihr die Zeitalter der Welt mit den Lebensaltern des Menschen. Somit zeigt sich in „De Aetatibus“ in doppelter Hinsicht eine Anthropologie: Zur Sicht auf den Menschen im Lauf der Geschichte kommt eine Art Lehre über die menschliche Entwicklung, die auf den Verlauf der Geschichte angewandt wird. Historiographie dient als Sprungbrett für das Nachdenken über den Menschen – aber die menschliche Entwicklung deutet in gewisser Weise auch den Lauf der Welt. Der Mensch erscheint als „mundus minor“. Eine Lektüre dieser spätantiken Quelle kann darauf aufmerksam machen, dass und wie Menschen- und Geschichtsverständnis zusammenhängen können.

Christliche Anthropologie am Beispiel Kardinal Döpfners
Stephan Mokry, München
[Abstract wird ergänzt]

Ein Anwendungsfall: Die Xenotransplantation
Veronika Bogner, München
Die Xenotransplantation – d.h. die Übertragung von Zellen, Organen und Geweben von Tieren in den Menschen – wirft viele Fragen auf, die unter anderem auch das Selbstverständnis des Menschen betreffen. Besonders intensiv werden in der Debatte um die Xenotransplantation die Frage nach der Stellung von Mensch und Tier in der Welt und die Folgen für den Umgang mit Tieren diskutiert. Der Beitrag benennt die Herausforderungen, die sich für das Selbstverständnis des Menschen dabei ergeben und stellt heraus, dass als Hintergrund der konkreten Diskussion um den Umgang mit Tieren bei der Xenotransplantation die philosophische Debatte um Anthropozentrismus und Biozentrismus eine wichtige Rolle spielt. Da sich die Diskussion vor dem Hintergrund christlicher Weltdeutungen auf die Auslegung der biblischen Schöpfungsberichte bezieht, geht der Beitrag auch auf schöpfungstheologische Fragen ein.

 

Tagungsort
Gemeindezentrum St. Peter und Paul in Olching bei München

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